Chasa Chalavaina 1499 Geschichte

Chasa Chalavaina

21.05.1499

Zeit

Cur cha’l Piz Daint ha sü chape, schi in trais dis plova.
Wenn der Piz Daint einen Hut trägt, regnet es in drei Tagen.
(Sprichwort aus dein Münstertal)

Ein paar Schritte vom Dorfplatz zur Chasa Chalavaina gegangen, über die rund geschliffenen Steine, unter das Vordach des Hauses getreten, nun bedächtig die Freitreppe hinauf gestiegen, dabei mit der rechten Hand über die 700 Jahre alten mürs dagranit gestrichen, ihre Unebenheit empfunden, nach zehn Stufen dann der gotische Torbogen, aus verschiedenfarbigen Tuifsteinbrocken gehauen, darauf durch den Bogen geschritten, mit der linken Hand die alte Holztüre mit dem Wappen der Edlen von Hermanin berührt, auf die Laube getreten-und die innere Uhr zeigt eine andere Zeit. Die Zeit, die aus jedem Mauerwinkel, aus jedem Stück Holz des Calven-­Hauses strahlt. Die Autos auf der Strasse sind unwirklich, sind futuristische Fremdkörper aus einem zukünftigen Jahrhundert. Die Szenerie hier und jetzt auf der Laube gehört in ein anderes Zeitalter.

Angemessen ist: das Wiehern von Pferden, quietschende und knarrende Kutschen­räder. Der Kalender könnte spätes Mittelalter zeigen. Zum Beispiel das Jahr 1499.

 

Am 21. Mai 1499 steht an der Brüstung der Laube, laut Legende, der Bündner Heerführer Benedikt Fontana in seinem Kriegswams. Fontana spricht zu 6300 jungen Bündnern, alles unverheiratete Männer. Sie haben sich hier vor der Chasa Chalavaina, auf dem Dorfplatz von Müstair, versammelt, um sich Fontanas Anweisungen für den bevorstehenden Kampf anzuhören: Die mats, so werden die für ihre Schlagkraft bekannten Jünglinge gerufen, beabsichtigen die österreichisch­habsburgischen Truppen vom Münstertal fernzuhalten. Feldherr dieses Heeres ist der deutsche Kaiser Maximilian. Maximilian hat im April 1499, nach vorangegan­genen Auseinandersetzungen und gescheiterten Friedensverhandlungen, den Bündnern und Eidgenossen den Krieg erklärt. Damit gab er den Auftakt zum heute sogenannten «Schwabenkrieg».

Hungernde Kinder

Die Bündner Truppen standen vor einem besonderen Gebäude. Einerseits war es das einzige Gasthaus im ganzen Dorf, andererseits erinnerte sein Baustil die mats daran, dass sie mit dem Überschreiten des Ofenpasses in ein Tal gekommen waren, das von seiner geographischen Lage und Ausrichtung her eher zum österreichischen Tirol gehörte, politisch und in bezug auf seine Sprache aber mit dem Bündnerland verbunden war.

Auf das Münstertal wirkten deshalb, zumindest bis zur späteren Grenzziehung, zwei Kulturen ein. Die beiden unterschiedlichen Stilrichtungen schlugen sich in der Bauweise der Häuser nieder: Währenddem die Gestaltung der Mauern und Fenster den Wohnhäusern im Engadin entsprach, war die Giebelkonstruktion der Chasa Chalavaina für die mats fremdartig. Der offene Dachraum mit dem sichtbaren Balkenwerk war für das Tirol typisch. Verwendet wurde er, um Fleisch, Früchte und Kräuter zu trocknen oder dörren.

Benedikt Fontana hielt auf der Laube des heutigen Hotels Chasa Chalavaina seine letzte Rede.

Am folgenden Tag trafen die Bündner bei der Calven, einer Engnis zwischen den heute zu Österreich gehörenden Dörfern Taufers und Laatsch, auf eine doppelt so starke gegnerische Armee. 12 000 Habsburger hatten sich hier hinter einem Festungswall verschanzt. Trotzdem vermochten die mats die feindliche Übermacht zu schlagen: Ein Teil der Truppe umging in einem anstrengenden Nachtmarsch die Schanze und fiel den Österreichern in den Rücken. Nach hartem Ringen mit entsprechendem Blutvergiessen gelang es den Bündnern, die Truppen Maximilians zu schlagen. Die Bündner sollen 2000 Mann verloren haben — unter ihnen Benedikt Fontana.

Nach ihrem Sieg zogen die Bündner tagelang sengend und plündernd durch das obere Etschtal. Die Dörfer Mals, Glurns und Laatsch gingen in Flammen auf. Der Historiker Paul Foffa berichtet, nach der Schlacht und dem Raubzug habe man auf einer Wiese, als nahezu einzige Überlebende, «eine Herde abgezehrter Kinder gesehen, welche das Gras gleich dem Vieh abweideten».

In die Geschichtsbücher ist die Schlacht an der Calven als eine der «grossen Schweizer Waffentaten» eingegangen.

Bereits wenige Wochen nach dem Sieg der mats führte Maximilian einen Rachefeld­zug durch. Seine Soldaten brandschatzten dabei im Münstertal ähnlich wie die Bündner im Etschtal: Die Dörfer wurden eingeäschert. Das Calven-Haus aber überstand die Kriegswirren unbeschadet.

Die Schlacht an der Calven weist auf die strategische Bedeutung des Münstertals hin. Für Maximilian war das Tal ein Einfallstor in das Zentrum der Eidgenos­senschaft. Zudem wickelte sich hier der Warentransport vom fruchtbaren Südtirolzu den Verkaufsmärkten ab. Gleichzeitig war das Münstertal Teil der Nord-Süd-Verbindung, die via Reschenpass Münstertal Umbrailpass führte. Für Maximilian eine äusserst bedeutsame Achse, damit er sein grosses Reich zusammenhalten konnte.

Die Schlacht an der Calven hat der Chasa Chalavaina ihren Namen gegeben. Die romanischen Wörter bedeuten auf deutsch Calven-Haus. Zwei gekreuzte Schwerter im Wirtshausschild erinnern an den Kampf.

Das graue Tuch

Maun dar e maun tor. 
Hand geben, Hand nehmen.
(Sprichwort aus dem Münstertal. Es bezieht sich auf den Kaufverkehr
Wenn der Verkäufer mit der einen Hand die Ware übergeben,
mit der anderen gleich das Geld einziehen kann, bleiben weder Schulden
noch Misstrauen zurück.)

Wann die Chasa Chalavaina genau gebaut wurde, ist nicht überliefert. Im Jahr 1499 war das Haus schon rund 200 Jahre alt: Aufgrund der Lichtscharten, die in die Grundmauern eingebaut wurden, datiert Christoph Simonett in seinem Buch «Die Bauernhäuser des Kantons Graubünden» die Entstehung in die Burgenzeit. Das Haus muss demzufolge vor 1300 gebaut worden sein. Zwei der Lichtscharten sind in der heute als Cafeteria genutzten court — grosser Hof— noch zu erkennen. Sie wurden allerdings zugemauert und bilden nur mehr Nischen. Die court gehört dem­entsprechend zu den ältesten Teilen der Chasa Chalavaina. Sie ist ungefähr 700 Jahre alt.

Dass das Calven-Hauses bereits damals als Sust, als Gasthaus, diente, bestätigt der mächtige Stall, der ebenfalls in der Burgenzeit an der Ostseite der Chasa Chalavaina erstellt worden war: Hier brachten die Kutscher und Säumer nach ihrer beschwerli­chen Reise über die Pässe die Pferde und Mautiere unter. Kurz nach Vollendung des zentralen Baus wurden zwei schmale, längliche Räume — mit Ausrichtung auf den Dorfplatz — an die court angebaut. Die beiden Räume hatten für die Bevölkerung des Münstertales eine grosse Bedeutung. Hier, hinter den halbrunden Fenstern, wickelte sich der Tuchmarkt ab. Hier tauschten die Frauen das von ihnen gewobene «graue Tuch» gegen Salz und Kolonialwaren ein. Der Verdienst aus dem Tuchmarkt erlaubte den Bauernfamilien, ihr schmales Einkommen aus der Landwirtschaft aufzubessern:

Die vielen unproduktiven Flächen im Münstertal ermöglichten keine grossen Er­träge. Der Bündner Loden, wie das graue Tuch auch genannt wurde, war für seine Qualität bekannt und bei den Händlern beliebt. Der grösste Teil des Stoffes wurde in die Lombardei transportiert und dort weiterverkauft.

Der linke Kaufladen ist heute Teil der Cafeteria; der rechte dient als Lagerraum.

Sulèr

Minchün ha da scuar avaunt seis tisch
Jeder kehre vor seiner Tür
(Sprichwort aus dem Münstertal)

Der Haupteingang des Gasthauses, im ersten Stock, schliesst an die Laube an. Allerdings befand sich die Treppe zur Laube früher nicht über dem rechten Kaufladen. Sie führte vielmehr bis zum Anbau des kleinen Okonomie-Gebäudes an der Westseite des Calven-Hauses, heute ausgebaut zum neuen Hotel-Trakt, an der Südseite der Aussenmauer empor.

Der Torbogen des Einganges stammt aus gotischer Zeit. Hinter ihm liegt der sul&, der grosse Vorraum. Tausende von Menschen sind hier ein- und ausgegangen. Zwar sind ihre Schritte an den fast ein Meter dicken Mauern verhallt, aber sie sind nicht vergangen. Und es ist nicht nur der stellenweise ausgetretene Steinboden, der an die zahllosen Gäste erinnert. Der sulèr birgt Dokumente aus vergangenen Zeiten, die Einblick geben in das damalige Leben. So haben die mats Spuren hinterlassen: Die Deckenbalken und -bretter weisen in der Nähe der Eingangstüre Einstiche auf. Konserviert ist hier seit 500 Jahren die Muskelkraft der mats , mit der sie, von Wachegängen zurückkommend, ihre Hellebarden in die Decke stiessen. Das war der praktischste Aufbewahrungsort für ihre Waffen.

Die Spuren im Holz sind so deutlich, als seien die Bündner erst gestern zum Kampf gegen Maximilian ausgezogen. Und die einzelne Hellebarde, die heute als Erinnerung an die Calven-Schlacht in der Decke steckt, könnte nur vergessen worden sein — von einem etwas verwirrten mat. Durchaus vorstellbar, dass er mit seinen schweren Nagelschuhen gleich die Treppe hinauf in den sulèr poltern, die Hellebarde ergreifen und den Kameraden nacheilen wird.

Eine weitere Erinnerung an die früheren Kriegswirren gibt die eine Wand des sulèrs preis: Eine Skizze, gleich links nach der Eingangstüre auf die Mauer gezeichnet. Sie zeigt zwei Kriegsleute mit fratzenhaften Zügen. Möglicherweise entstanden die Porträts bereits im Jahre 1499. Allerdings beherbergte das Calven-Haus im Verlaufe der Jahrhunderte immer wieder Soldaten, so dass die Skizze auch jünger sein könnte.

Genau datiert sind jedoch die Worte, die rechts neben der Stubentüre mit Rinderblut auf die Wand geschrieben wurden. Verfasst hat die Zeilen ein italienischer Gefangener, der 1696 im Keller der Chasa Chalavaina eine Haftstrafe verbüsste. Er klagt der Mauer, und allen Lesern bis in die heutige Zeit, seinen Schmerz: «Die Vergangenheit tut mir leid — und die Zukunft macht mir Angst.» Warum er eingesperrt wurde, geht nicht hervor.

Die unrenovierten Mauerstellen mit Skizze und Inschrift bezeugen gleichzeitig die Fähigkeiten der Handwerker in früheren Jahrhunderten. Streicht der Betrachter mit der Hand an diesen Stellen über die Mauer, so zeigt sich, dass der Verputz hier viel feiner ist als auf dem renovierten Mauerwerk: Die Handwerker hatten den Verputz mit Eiweiss angereichert.

Ida, Carl und Jon Fasser

Chi viva in spraunza mora chejond
Wer in der Hoffnung lebt, stirbt am Elend.
(Sprichwort aus dem Münstertal. In übertragenem Sinne bedeutet es:
Hoffen und Harren macht manchen zum Narren)

Mit Arvenholz — romanisch dschember — getäfert ist die Gaststube, die an den sulur angrenzt. Charakteristisch für das weiche Arvenholz ist nicht nur sein Harzgeruch, ebenso bezeichnend sind die vielen, sich dunkel abzeichnenden Aststummel in den Wand- und Deckenbrettern. Der Boden der Gaststube besteht dagegen aus Hartholz:

Weichere Holzarten bewährten sich hier nicht, da sie schnell abgenutzt waren. Als im Zuge der Renovation des Calven-Hauses im Jahre 1965 der alte Boden entfernt wurde, kamen unter den Brettern drei weitere Schichten ehemaliger Bodenbretter zum Vorschein. Das Holz war so ausgetreten, dass sich die — härteren — Aststummel wie kleine Pilze abhoben.

Bei der Fensterfront zieht sich quer durch die Wirtschaft eine Stufe — ein Hinweis auf den etappenweise Ausbau der Chasa Chalavaina: Auf die einst eingeschossigen Kaufläden wurden im 17. Jahrhundert zwei weitere Stockwerke gebaut, das Haus gegen den Dorfplatz hin entsprechend vergrössert. Bei diesem Ausbau entstand, bedingt durch die Konstruktion der früheren Aussenmauern, die Stufe. Das Arvenholz in diesem Teil der Stube ist entsprechend jünger. Aus diesem Grund finden sich hier auch keine Hinweise auf den Aufenthalt der mats in der Gaststube. Dafür haben sie sich neben dem Kachelofen, anscheinend ihr Lieblingsplatz, verewigt. Mit ungelenker Hand ritzten sie in das vorspringende Wandstück Speerspitzen und Kreuze.

Die Arvenstube gibt auch über die verschiedenen Besitzer des Calven-Hauses Auskunft, soweit sich die Eigentumsverhältnisse rekonstruieren lassen.

Auf die Patrizierfamilie Hermanin, die Wirte Benedikt Fontanas, weist das Wappen über der Eingangstüre hin. Es zeigt, kunstvoll geschnitzt, einen stilisierten Baum, darüber einen Helm mit Taube. Laut Erwin Poeschel, Autor des Werkes «Die Kunstdenkmäler des Kantons Graubünden», muss das Wappen um 1500 angefertigt worden sein. Dasselbe Wappen, etwas einfacher ausgeführt, findet sich auch auf der Türe, die die Freitreppe von der Laube trennt. Es ist mit «1593» datiert. Als nächste Eigentümerin der Chasa Chalavaina ist die Familie Pernsteiner überliefert. Ihre Ära endete mit dem Tode von Tonet Pernsteiner im Jahre 1879. Ein Ölbild in der Stube zeigt das Porträt dieses Wirtes. Mit seinem Ableben verlor sich die Tradition, das Calven-Haus als Gaststätte zu führen. Die beiden Bauernfamilien, die nun einzogen, gingen ganz der Landwirtschaft nach. Erst mit der Übernahme durch die heutigen Besitzer, die seit dem 14. Jahrhundert im Münstertal ansässige Familie Fasser, wurde das Haus wieder seiner ursprünglichen Bestimmung entspre­chend geführt: Carl und Ida Fasser hatten die Chasa Chalavaina 1958 gekauft, nachdem sie gemeinsam dreissig Jahre lang im nahen «Hotel Münsterhof» gewirtet hatten. 1965 restaurierten sie das Gebäude — mit der Unterstützung des Kantons Graubünden und des Bundes.

Carl Fasser ist 1975 gestorben; die Erinnerung an ihn, der nicht nur Wirt, sondern auch Lehrer und Inhaber mehrerer öffentlicher Ämter gewesen war, hält ein Schwarzweissfoto in der Arvenstube aufrecht. Nach seinem Tod führten seine Frau und SohnJon das Hotel Chasa Chalavaina weiter. Im August 1991 ist nun auch Ida Fasser gestorben. Heute leitet Jon Fasser den Betrieb gemeinsam mit seiner Schwester Ottavia.

Cuschina naira

Ainurperforza mi vaglia üna scorza
Erzwungene Liebe ist keine Rinde (keinen Pfifferling) wert.
(Sprichwort aus dem Münstertal)

Wo heute ein schwerer Ledervorhang die Gaststube von der cuschina naira trennt, stand früher die sogenannte «Kunst»: eine Wand aus Kacheln, die vom dahinter angebauten Kochherd erwärmt wurde und so die Wirtschaft heizte. Die Kunst war vor allem dazu gedacht, im Frühling und Herbst zu heizen — wenn die Aussen-temperatur das Einfeuern des Kachelofens nicht rechtfertigte.

Das Essen wurde im Calven-Haus jahrhundertelang auf offenem Feuer gekocht. In grossen Mengen, wie sich aufgrund der Ausmasse des alten Küchengerätes schliessen lässt. Der Rauch über der Feuerstelle zog jedoch nicht durch einen Kamin ab, er sammelte sich vielmehr im Gewölbe der Küche, wo ein Loch in der Decke als Abzug diente. Das offene Feuer hat seine Spuren hinterlassen: die Küche ist schwarz. Der Russ hat die Steine des Gewölbes verfärbt.

Bis 1965, als im Zuge der Renovation der Chasa Chalavaina die Kunst entfernt wurde, reichte das Küchenpersonal die fertigen Speisen durch einen Pass in die Gaststube. Die schmale, mit einem Holzschieber verschliessbare Öffnung in der Wand blieb erhalten: Sie ist, von der Stube aus betrachtet, links vom Ledervorhang zu erkennen.

Die Feuerstelle, die heute in der Küche zum Verweilen einlädt, entstand erst beim Umbau des Hauses — als Ersatz für das einstige offene Feuer. Aus früheren Jahren stammt jedoch derfourn — Backofen —‚ dessen Einlass sich gleich neben der Feuer­stelle befindet. In diesem Ofen wurde jeweils Roggenbrot gebacken — ein für das Münstertal typisches Brot, das in der Chasa Chalavaina auch heute noch zu jedem Essen aufgetischt wird.

Wie gross derfourn ist, lässt sich nicht nur durch einen Blick in sein Inneres feststellen. Seine Geräumigkeit belegt ebenso eine Episode aus dem Jahre 1799, als eine Armee Napoleon Bonapartes im Münstertal gegen bündnerisch-österreichische Truppen-verbände kämpfte. Eines Morgens, so die Geschichte, habe eine Bedienstete des Calven-Hauses beim Aufräumen der Gästezimmer eine Schüssel voll schmutzigen Wassers ohne hinzusehen aus dem Fenster auf den Vorplatz geschüttet. Hier standen im selben Augenblick einige französische Offiziere in Galauniform. Das Dreck­wassser klatschte nun aus mehreren Meter Höhe auf die prächtige Kleidung, was bei den Getroffenen einige Wut ausgelöst haben soll. Sie eilten in das Haus, um sich der unglückseligen Magd zu bemächtigen und sie zu bestrafen. Diese aber, auf der verzweifelten Suche nach einem tauglichen Versteck, war in den Backofen gekrochen. Eine zweite Magd verschloss die Mündung mit einem Bündel Reisig. Die Offiziere mussten die Suche ergebnislos abbrechen. Drei Tage lang soll die Unglückliche im Ofen geblieben sein. Nur in der Nacht habe sie ihr Versteck verlassen, um zu trinken und essen.

Trotz seiner Ausmasse schränkt der Ofen die Geräumigkeit der Küche nicht ein. Dafür zeichnen sich seine Umrisse an der östlichen Aussenmauer der Chasa Chalavaina deutlich ab: Der fourn verbirgt sich hinter dem halbrunden Mauervor­sprung. Man baute ihn, ausserhalb des Gebäudes, an die Mauer an. Eine Bauweise, die bei anderen Häuser im Münstertal — beispielsweise am früheren Haus Pitsch in Sta. Maria — noch deutlicher hervortritt.

Die Küche mit ihrem offenen Feuer bedeutete Essen und wohltuende Wärme in den kalten Monaten. Deshalb diente sie nicht nur als Kochstelle, sondern auch als Schlafplatz. Auf diese Nutzung weisen die grossen Holzplatten hin, die, riesigen Treppenstufen gleich, über dem Abgang zum Keller liegen. Um den Platz über dem abfallenden Gewölbe nicht zu verlieren, wurde das Mauerwerk stellenweise erhöht. So entstanden Flächen, auf die die Holzplatten gelegt werden konnten. Darauf schliefen nun die Angestellten der reisenden Herrschaften. Es waren beliebte Plätze; in der Küche war es immer warm— ganz im Gegensatz zu den ungeheizten Kammern im oberen Stockwerk.

Die Kammern (Zimmer)

Chi bain pierta, bain jalda
Wer gut teilt, geniesst gut.
(Sprichwort aus dem Münstertal.
Es meint: Alles für sich selbst behalten wollen, bringt keinen Segen)

Über 15 Gästezimmerverfügt das Hotel Chasa Chalavaina. Jedes Zimmer hat seinen Namen. Jeder Name hat seine Geschichte, seine Bedeutung. Ein Zimmer heisst la sulagliva, weil hier besonders viel Sonne einfällt. La diogena ist das kleinste Schlafgemach im ganzen Haus — daher auch sein Name: Man fühle sich hier, so die Bemerkung eines Gastes, wie Diogenes in seinem Fass. Das Zimmer la stüva dal preir im ersten Stock verfügt über eine eigene Terrasse. Von hier aus lässt sich das Wandbild, das 1467 auf die nördliche Aussenmauer des Calven-Hauses gemalt wurde, am besten betrachten. Das Bild zeigt die Mutter Gottes mit dem heiligen Rochus auf ihrem Schoss. Daneben steht ein Pestkranker mit einer schwärenden Wunde am Bein. Rochus, auf dessen Hand eine Krähe sitzt, war der Heilige der Pestkranken. Er konnte sie heilen.

Die Thematik des Wandbildes weist daraufhin, dass auch das Münstertal von der Pest nicht verschont geblieben war. Die Seuche forderte hier zahllose Opfer, ja rottete fast ganze Dörfer aus. Die Krankheit grassierte nicht nur einmal, am schlimmsten traf sie das Tal im Jahre 1630.

Aus der gleichen Zeit wie das Wandbild stammt das an Mauerzinnen erinnernde Sgraffito, das eines der auf die Terrasse ausgerichteten Fenster der stüva dal preir umrahmt. Diese in die Mauer geritzte Zeichnung gilt als das älteste Sgraffito im Graubünden.

Chasa Chalavaina

Sumbriva da stà fa il vainter d‘inviern
Schatten im Sommer macht Bauchweh im Winter.
(Sprichwort aus dem Münstertal.
Es bezieht sich auf die Landwirtschaft.
Kann im Sommer aufgrund der Wetterbedingungen das Heu
nicht recht dörren, so gibt es schlechtes Futter.
Das kann beim Vieh Verdauungsstörungen bewirken.)

Der erste Stock des alten Teils der Chasa Chalavaina ist verwirrend verwinkelt: Ein Hinweis auf die Geschichte des Hauses mit den verschiedenen Umbauten. Trotzdem fügt sich das Ganze harmonisch zu einem Puzzle zusammen. Die baulichen Veränderungen lassen sich wie die Jahrringe an einem Baum ablesen.

Ein Gang mit vielen Ecken windet sich durch das Stockwerk; an den Wänden hängen ehemalige Arbeitsgeräte der Münstertaler Bauern. Türen münden in alle Himmels­richtungen, Türen mit auffallend schönen Schlössern. Die Familie Fasser hat sie von alten Türen anderer Häuser entfernt und hier wieder eingesetzt. Die niedrigen Mauerdurchgänge zwingen den Gast den Kopf einzuziehen: Die Bevölkerung früherer Jahrhunderte war kleiner gewachsen. Darauf weisen auch die ehrwürdigen Bettgestelle in den Zimmern hin. Sie mussten verlängert werden, um den heutigen Verhältnissen gerecht zu werden.

Im neuen Hotel-Trakt, der 1980 im ehemaligen Ökonomie-Gebäude eingerichtet wurde, fällt die Orientierung leichter. Sieben neue Zimmer entstanden hier, wo früher das Heu lagerte und Tiere untergebracht waren. An die einstige Zweckbestimmung erinnert der grosszügig bemessene Eingangsraum: Hier befand sich die Zufahrt in den Heuraum. Hier lagerte das Rauhfutter, das im Sommer geschnitten und eingebracht wurde. Schliesst man die Augen, so scheint immer noch der Geruch von trockenem Heu in der Luft zu schweben: der Duft von würzigen Kräutern und Alpenblumen. Belassen wurde die vom Alter gebräunte Balkenkonstruktion. Sie bildet, nur mit Holznägeln zusammengefügt, das Tragwerk der neuen Mauern.

Im untersten Stockwerk findet sich im Zimmer las pullas ein Hinweis auf die frühere Nutzung des Ökonomie-Gebäudes als Stall. Die Hühner waren hier zu Hause. Unterhalb des rechten Fensters ist der Schlupf noch zu erkennen, der ihnen als Ausgang ins Freie diente. Die Vorhänge mit dem eingewobenen Hühner-Motiv unterstreichen noch, wer da früher wohnte. Genau gleich wie im Nachbarzimmer la stalletta, wo die Ziegen lebten. Auch hier hängen Vorhänge mit dem entsprechenden Tiermotiv an den Fenstern.

Als im Verlaufe des Umbaus des Okonomie-Gebäudes zum Hotel-Trakt das Erdreich unter den Ställen abgetragen wurde, entdeckte der Architekt Reste von Fundamenten. Sie entpuppten sich als Grundmauern eines Hauses, das in karolingischer Zeit entstanden sein musste — also etwa zur selben Zeit wie das nahe Kloster St. Johann. Das bedeutet, dass auf dem Grundstück des heutigen Hotels Chasa Chalavaia seit 1200 Jahren Menschen leben. Ein beachtliches Stück Ge­schichte.

Aufgrund ihres Alters und ihrer historischen Bedeutung steht die Chasa Chalavaina heute unter Denkmalschutz.

Zeit

Die rauhen Stimmen der mats sind nicht mehr zu hören, die entsetzten Rufe der Magd auf der Flucht vor den französischen Offizieren längst verhallt; unter dem Dach wird kein Bindenfleisch mehr getrocknet, und kalt bleibt der Backofen, in dem einst das Roggenbrot für die Gäste der Chasa Chalavaina gebacken worden war. An den Wänden hängen heute neben Porträts aus dem 19. Jahrhundert Bilder von Sol Le Witt und Richard Nonas, elektrisches Licht hat die Kerzenleuchter abgelöst, aus dem Dach ragt eine Antenne, und an den Fenstern der Gaststube wälzt sich der Autoverkehr vorbei.

Die Zeit ist nicht stehensgeblieben, weder draussen noch im Calven-Haus. Das Gebäude hat sich im Laufe der Zeit verändert, gehäutet, Metamorphosen durch­gemacht, und am Ende des 20. Jahrhunderts präsentiert es sich nun als Bau mit Tradition, der die heutige Zeit nicht verleugnet. Die Familie Fasser hat den — untauglichen — Versuch nicht unternommen, die Chasa Chalavaina in ein Museum zu verwandeln und die Gegenwart als scheinbar reale Vergangenheit darzustellen. Mit seiner über tausendjährigen Geschichte bedarf das Haus auch keiner aufgesetzten Reminiszenz an früher: Die Mauern und Balken haben die Lebenszeichen zahlloser Generationen aufgenommen, sie sind voll davon. Nun strahlen sie aus, was sie gespeichert haben, wie der Kachelofen die Wärme des verbrannten Holzes.

Unsichtbar, aber spürbar.

21. Mai 1499